Buchwissenschaft
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"Was ist schön? Grenzen und Möglichkeiten der Jugendliteratur-Kritik" - Podiumsdiskussion

Was ist schön und was ist erlaubt?
Eine Podiumsdiskussion mit illustren Gästen gibt Einblick in die Grenzen und Möglichkeiten der Jugendliteratur-Kritik

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Eingerahmt von Bücherregalen fand am 29. Januar 2013 die vorläufige Abschlussrunde der Veranstaltungsreihe der Studiengänge Buchwissenschaft an der LMU München „Endlich erwachsen? Jugendliteratur im epochalen Wandel“ statt. Nachdem in der Hugendubel-Filiale in den Fünf Höfen in den vergangenen Wochen bereits Autor/innen und Programmleiter/innen dem Publikum Einblick in ihr Verständnis von und ihren Umgang mit Jugendliteratur gewährt hatten, stand nun eine der wichtigsten Vermittlerinstanzen des Buchmarktes im Zentrum: die Kritik.
Unter dem Motto „Was ist schön? Grenzen und Möglichkeiten der Jugendliteratur-Kritik“ diskutierten Dr. Roswitha Budeus-Budde (Süddeutsche Zeitung), Ute Wegmann (Deutschlandradio Kultur), Franz Lettner (1000 und 1 Buch) und Dr. Michael Schmitt (3sat Kulturzeit) gemeinsam mit der Moderatorin und Kritikerin Christine Knödler.
Thematisiert wurde unter anderem, welche Kriterien an ein gutes Jugendbuch gelegt werden und inwiefern die Maßstäbe sich von denen der Kritik von Erwachsenenliteratur unterscheiden. „Jugend ist ein weites, unbekanntes Land“, schrieb Michael Schmitt im Kulturzeit-Blog, dennoch gibt es auch in der Jugendliteratur-Kritik ebenso klare Maßstäbe wie im belletristischen Bereich. Die wichtigste Frage ist auch hier: „Ist das jeweilige Buch in sich stimmig?“

Spagat zwischen den Zielgruppen
„Je länger man sich mit der Jugendliteratur beschäftigt, umso literarischer wird man“, erklärte Roswitha Budeus-Budde, dabei laufe man jedoch Gefahr, das eigentliche Zielpublikum – die Jugendlichen – aus den Augen zu verlieren. Doch wer entscheidet darüber, was Jugendliche wirklich lesen wollen, und wie erreicht man sie überhaupt? Schließlich macht Jugendliteratur-Kritik bis heute aus, dass sie sich in den seltensten Fällen direkt an die Leser/innen, sondern vielmehr an Vermittler wie Eltern, Lehrer/innen und Bibliothekar/innen wendet. So wies Franz Lettner darauf hin, dass man als Kritiker im Jugendbuchbereich häufig „um die Ecke denken muss“, damit der Spagat zwischen den Lesern der Kritik und den potenziellen Lesern der Bücher gelingen kann. Trotz der verschiedenen Voraussetzungen und Medien, für die die anwesenden Kritiker/innen arbeiten, stimmten sie in diesem Punkt überein, ziehen aber unterschiedliche Konsequenzen. Während Roswitha Budeus-Budde sich zum Leser-Service bekennt – „Ich sehe mich als Dienstleisterin“ – steht für Franz Lettner das Buch im Zentrum, und zwar unabhängig davon, für wen es gemacht ist. „Ich denke, dass man die Erwachsenen ein stückweit ignorieren muss“, spitzte der Chefredakteur des Fachmagazins „1000 und 1 Buch“ die Zielgruppen-Debatte zu.

Wie viel Kritik ist möglich?
Und noch eine andere Facette der Problematik wurde sichtbar: Angesichts des begrenzten Raumes, der der Jugendliteratur-Kritik in den Medien eingeräumt wird, stellte sich die Frage, inwiefern überhaupt Platz im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung bleibt. „Ein fulminanter Verriss schreibt sich manchmal leichter“, gab Michael Schmitt zu. Dennoch werde der kostbare Platz sinnvollerweise für die Besprechung guter Bücher genutzt, hielt Ute Wegmann dagegen: „Mir macht es auch viel mehr Spaß, wenn ich ein gutes Buch vor mir habe.“
Und trotzdem: Kritik ist wichtig, gerade wenn Titel auf Bestsellerlisten landen, von der Branche wie vom Publikum unhinterfragt hochgejubelt werden, weil ein Roman sich besonders gut verkauft oder weil die Autoren berühmt sind. Da gilt es besonders genau hinzuschauen, schließlich entscheidet weder Masse noch Prominenz über die Qualität.

Dringend gesucht: der Weg in eine breitere Öffentlichkeit
In einem weiteren Punkt herrschte ebenfalls Übereinstimmung: Die Jugendliteratur-Kritik muss weiter um ihren Platz in der Branche kämpfen und endlich eine breitere Öffentlichkeit auch außerhalb der Szene erreichen. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Bis heute gilt, wie es Roswitha Budeus-Budde zusammenfasste: „Alles, was mit Kinderkultur zu tun hat, wird nicht so ernst genommen und gefördert wie Erwachsenenkultur.“ Dies führe auch dazu, dass viele Erwachsene gute Geschichten aus dem Jugendbuch ignorieren, ergänzte Franz Lettner: „Sie können uns leid tun.“
Nicht leid zu tun brauchte hingegen das Publikum des Abends – im Gegenteil. Die fast zweistündige kontroverse Diskussion fesselte und machte deutlich: Begeisterung und Einsatzbereitschaft der Podiumsgäste für die Jugendliteratur ist allen Schwierigkeiten und Grenzen zum Trotz nahezu grenzenlos. Bei so viel Engagement und Leidenschaft besteht die berechtigte Hoffnung, dass die Jugendliteratur-Kritik sich weiterhin behaupten und weitere Foren erobern wird. Denn das Thema liegt in der Luft, das Interesse ist da, man muss es nur wecken, das zeigte die gesamte Veranstaltungsreihe, die rege Teilnahme und die positive Resonanz.
Am Ende waren sich alle einig: Zur Jugendliteratur ist noch nicht alles gesagt und erst recht nicht das letzte Wort gesprochen. Eine Neuauflage oder Fortsetzung der Reihe würde deshalb nicht nur das Programm der Studiengänge Buchwissenschaft in München bereichern. Diese Diskussion geht alle an!

Katharina Korrek