Buchwissenschaft
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Besuch der Münchner Buchwissenschaftler in St. Gallen im Mai 2014

Auch in diesem Jahr wurden die Münchner Studenten der Studiengänge Buchwissenschaft wieder von der Stiftung St. Galler Zentrum für das Buch in die Schweiz eingeladen. Das zweitägige Programm wurde von Herrn Joachim Bitter und Herrn Raffael Keller zusammengestellt und hat voll überzeugt. Bei herrlichem Sommerwetter haben wir zusammen mit unseren beiden Exkursionsleitern viele verschiedene Stationen der Buchgestaltung, -produktion und -bewahrung in St. Gallen und Umgebung gesehen und spannende Personen aus der Branche kennen gelernt.

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Besichtigung der Stiftsbibliothek St. Gallen mit Stiftsbibliothekar Dr. Cornel Dora

von Anne Hanke, Carolin Fischer

Mit riesigen Filzpantoffeln an den Füßen betraten die Exkursionsteilnehmer die atemberaubend schöne und im Jahre 612 vom irischen Mönch Gallus gegründete Stiftsbibliothek. Sie ist die einzige westliche Bibliothek mit weitestgehend unbeschadetem mittelalterlichem Bestand. Dieser ist von besonders hoher Qualität, da die Mönche vorrangig darum bemüht waren, die besten Schriften ihrer Zeit (vor allem vom 8.-10. Jh.) zu sammeln. Besonders erwähnenswert ist der Klosterplan von St. Gallen aus dem Jahre 820, der älteste noch erhaltene Grundrissplan einer Klosteranstalt mit Bibliothek im Mittelalter. Aktuell wird der Plan in Meßkirch in Süddeutschland so weit wie möglich maßstabsgetreu nachgebaut. Die Stiftsbibliothek beherbergt insgesamt 2100 Handschriften, von denen 400 bereits digitalisiert sind. Zugänglich sind sie in e-codices, der Virtuellen Handschriftenbibliothek der Schweiz. Im Archiv befindet sich außerdem der größte Urkundenbestand aus dem Mittelalter. Die diesjährige Ausstellung der Bibliothek, „Schafe für die Ewigkeit“, durch welche uns Herr Dr. Cornel Dora führte, beschäftigt sich vorrangig mit dem Thema Handschriften, und zwar vor allem mit ihrer Herstellung. Von der Papyrushandschrift aus Ägypten über die ältesten Pergament-Kodizes und wertvolle Musikhandschriften aus dem 12./13. Jh. bis hin zu prachtvollen karolingischen Einbänden sind in mehreren Vitrinen die einzelnen Entwicklungsstufen der Handschriftenherstellung zu bestaunen.

Besuch des Textilmuseums in St. Gallen

von Martina Imhof, Evelyn Kern, Clara Huber

Der zweite Tagespunkt war der Besuch des St. Gallener Textilmuseums. 1878 wurde das Textilmuseum als Mustersammlung für die Textilbranche gegründet, welche für die Schweiz eine enorme wirtschaftliche Bedeutung hat. Heute werden auf drei Etagen verschiedenste Sammlungen präsentiert. Diese reichen von historischen Stickereien aus dem 14. Jahrhundert bis zu Handarbeitsutensilien und Objekten zeitgenössischer Textilkunst. Momentan zeigt das Museum die Ausstellung „Kirschblüte & Edelweiss - Der Import des Exotischen“, die sich mit dem weit in die Geschichte reichenden Austausch von Stoffen und Mustern zwischen Ostasien und der Schweiz beschäftigt. Zu sehen waren Kimonos, Katagamis, Holzschnitte, Zeichnungen, Musterbücher und andere Objekte aus der reichen Asiatika-Sammlung des Museums.

Das Highlight bei unserer Führung war die angeschlossene Textilbibliothek, in der 2000 imposante Musterbücher mit Textilmustern Schweizer Firmen aufbewahrt werden. Außerdem wurde uns von einer sehr netten Mitarbeiterin eine Handstickmaschine aus dem 19. Jahrhundert gezeigt, die noch heute in Betrieb ist. Trotz der Kürze des Besuchs konnten wir viel erfahren. Der Besuch hat sich wirklich gelohnt!

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Besuch im Grafikatelier TGG Hafen Senn Stieger
mit dem Buchgestalter Roland Stieger

von Christian Schreiner

Fünfte Kolonne „Papyrusfüsiliere München“ zu Zug nach St. Gallen

„Text: Nein, Photos: Nein, Format: Nein, Papier: Nein;
Roland was machst du eigentlich?“
(Mama Stieger)

Roland Stieger macht was: Er liebt seine Arbeit. Das spürt jeder, spätestens nachdem er begonnen hat über sich und seine Bücher zu sprechen. „Seine Bücher“ müsste eigentlich seine Kompositionen heißen. Unterschiedlichste Inhalts-, und Formvorgaben verwandelt Stieger mit seinen Kollegen der „TGG Hafen Senn Stieger“ in gedruckte, geschnittene und gebundene Kleinodien.

Stiegers Kunst mäandert durch die Sinne. Sie ist Polemik für all jene, die das gedruckte Buch unter die Erde predigen wollen. Der gelernte Setzer schwärmt von digitalen Möglichkeiten und wehrt sich gegen jegliche nostalgische Verklärung, dennoch hört, sieht und fühlt man seine Bücher. Niemanden hätte es wohl verwundert wenn eine geheftete Sammlung von Piktogrammen nach Chlor gerochen hätte. Auf dem Umschlag: Eine fast mikroskopische Wellenlandschaft, in der auf dem Rückdeckel ein Schwimmer gegen die Wellen ankämpft, den wohl jeder der Mitgereisten sich einst stolz auf die Badehose hatte nähen lassen. Innen, zwischen verballhornten Alltagspiktogrammen: Manien eines Sammlers: Wartemarken schweizerischer Postfilialen. Der Sammler lässt drucken.

Die Geschichte eines alten Bahnhofs goss Stieger in einen briquetteförmigen schwarzen Quader aus schweren, dicken Seiten, durch den es sich tatsächlich ohne rußige Finger Blättern lässt. Eine wunderbare Vorstellung: Verschwitzt, mit kohligen Fingern und schwarzer Nase läuft man einer Freundin in die Hände. Die: „Woher kommst du denn?“ Antwort: „Aus der (stiegerschen) Bibliothek.“

Begegnung mit dem MCM (Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft) der Universität St. Gallen

von Nina Maria Metzger

Der letzte Programmpunkt des ersten Tages vor dem Nachtessen war die Begegnung mit dem MCM. Es wurde von Prof. Dr. Vincent Kaufmann eine Einführung in die St. Galler Buchwissenschaft gegeben. Der Studiengang nennt sich „Buch- und Medienwirtschaft“ und wurde umbenannt, um den Fokus auf den ökonomischen Aspekt der Buch- und Medienbranche zu legen. Genau wie die Münchner Buchwissenschaft ist der Studiengang interdisziplinär und beinhaltet aktuelle praxisnahe Medienentwicklungen. In diesem Rahmen wurden zwei Forschungsprojekte vorgestellt. Jana Baumgartner untersucht seit nunmehr vier Jahren die Auswirkungen des Medienwandels und der Digitalisierung auf betriebswirtschaftlicher Ebene für den Publikumsverlag. Auch geht sie der Frage nach der künftigen kulturellen Identität der Buchbranche nach. Ein weiteres Projekt stellte Clarissa Hoehener vor. In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Kaufmann erstellt sie eine Literatur-App, um so die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen unter der Prämisse „Enriched Reality“. Dem Leser soll eine neue partizipative Zugangsmöglichkeit zu literarischen Orten innerhalb der Schweiz und mit Schweizer Autoren geboten werden. Die Autoren sollen selbst zu Wort kommen innerhalb der App und der Leser gemeinsam mit ihnen in einer Art literarischem Spaziergang die Stadt erkunden. Bei dem Besuch im MCM haben wir einen schönen Einblick in die Arbeit der Schweizer Kollegen gewonnen, welche sich auch spontan unserem gemeinsamen Abendessen beim Italiener anschlossen, sodass wir den ersten Tag gemeinsam ausklingen lassen konnten.

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Besuch der Kantonsbibliothek Vadiana und das St. Galler Zentrum für das Buch

von Karina Borsos und Britta Blosat

Der zweite Tag unserer Exkursion begann bei strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen in der Kantonsbibliothek Vadiana. Wolfgang Göldi, der schon seit 20 Jahren die historischen Bestände der Bibliothek betreut, erzählte uns die Geschichte der Kantonsbibliothek Vadiana und zeigte uns dabei einige wertvolle und sehr beeindruckende historische Bücher des Hauses.

Wir konnten aus nächster Nähe einen Blick in diese gut erhaltenen Handschriften werfen. Besonders schön war ein Buch, in das die Spenden der gut situierten Bürger an die Bibliothek eingetragen wurden. Nach all den Jahren leuchten die Farben der bunt verzierten Familienwappen immer noch sehr strahlend.

Im Anschluss wurde uns von Raffael Keller das „St. Galler Zentrum für das Buch“ näher gebracht - dies wurde als Bucharchiv in München gegründet, kam 2006 nach St. Gallen und wurde dort dann ausgebaut. Der Bestand umfasst 40.000 Bände, zudem sind noch Sonderbestände hinzugekommen. Auch Herr Keller hat zur Veranschaulichung verschiedene Exemplare (u.a. seltene Handschriften, Bücher mit Widmungen oder ein verrücktes Kunstbuch aus Österreich) gezeigt. Im ZeBu, so die Abkürzung, gibt es ein breites Spektrum an Büchern zu allen Themen, die das Medium Buch betreffen. Auch Publikationen zu internationale Themen werden angeschafft. Zu allen Büchern hat man im Lesesaal der Bibliothek freien Zugang.

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Begegnung mit der Buchgestalterin Krispin Heè

von Anja Dürr, Veronika Becker, Annika Neujahr

Die Buchgestalterin Krispin Heé kam am Vormittag in die Kantonsbibliothek, um uns von ihrer Arbeit zu erzählen. Sie stammt aus St. Gallen, ging aber für ihr Studium und ihre Ausbildung u.a. nach Leipzig und Bern, wo sie ihren Abschluss machte. Danach kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück und hatte schnell Erfolg, sodass sie sich mit einem eigenen Atelier in jungen Jahren selbstständig machen konnte.

„Ich war schon immer an Büchern interessiert“ erzählt Heé. Ihr erstes Projekt, ihr erstes selbstgestaltetes Buch entstand aus eben diesem Interesse. Bereits am Anfang ihrer Karriere wurde ihr Stil mit der Schweizer Graphik verglichen. Dieser Begriff bezeichnet eine bestimmte Herangehensweise an ein (Buch)Projekt. Hierbei tritt das dekorative Design des Buches in den Hintergrund, es wird weniger illustriert - die Hauptsache ist, die Person, den Gegenstand und den Inhalt möglichst gut und repräsentativ darzustellen. Für die Buchgestalterin steht die Schlüssigkeit des Buches an erster Stelle.

Auf die Fragen von studentischer Seite ging sie auskunftsfreudig ein und berichtete, dass das konzeptuelle Überlegen einen großen Teil ihrer Arbeit ausmacht. Sie erzählte, dass sie meistens an fünf oder sechs Projekten parallel arbeite, man die Arbeitszeit, die ein Projekt kostet, allerdings nicht genau einschätzen könne (bei ihr ist schon alles zwischen einer Woche und mehreren Jahren vorgekommen). Dies hänge von vielen Faktoren ab, vor allen Dingen von den finanziellen Bedingungen, dem Autor, der den Inhalt bereitstellt sowie allen anderen Beteiligten am jeweiligen Projekt. Eines ihrer Hauptinteressen ist die Tradition der Buchproduktion und das, was man heute daraus entwickeln kann. Zum Beispiel verwendete sie die Idee des Palmblattbuches und nutzte statt den Palmblättern Plexiglasscheiben, die das Buch umgaben.

Es war bei diesem anschaulichen Vortrag sehr beeindruckend und spannend, zu sehen, was neben der „herkömmlichen“ Buchproduktion möglich ist. In ihrer Buchgestaltung beachtet sie nicht nur Textlayout sondern auch das Covermaterial (z.B. weiße Seide die nach der Zeit abgenutzt aussieht) oder die Bindeart (z.B. Japanbindung). Die Bücher, die sie gestaltet, müssen als Gesamtkunstwerk angesehen werden. Die Begeisterung und Leidenschaft die Krispin Heé für Buchgestaltung hat, war sehr ansteckend und die innovativen Ideen und Konzepte haben uns sehr beeindruckt.

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Besuch des Typoramas in Bischofszell

von Lea Decker, Sophie Oberacker

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Nach einer vergnüglichen Zugfahrt ins idyllische Bischofszell besuchten wir das Druckmuseum Typorama. Dort wurden wir mit typischen Schweizer Hörnli und Mundart begrüßt. Nach dem leckeren Essen wurde uns das Museum in drei Stationen gezeigt. Die erste Station war der Bleisatz, den Tony Schäfler uns vorführte. Während er behänd eine Zeile setzte und manche Fische aussortierte, erklärte er uns wichtige Begriffe beim Satz wie Leiche, Hurenkind, Hochzeit und Waisenkind. Bei der zweiten Station lernten wir verschieden Handpressen kennen, unter anderem eine Kniehebelpresse sowie diverse Tiegeldruckpressen. Mit einigen der Heidelberger Druckmaschinen werden auch heute noch Aufträge gedruckt, geprägt und nummeriert. Zum Abschluss zeigte uns Paul Wirth, der Sammler und Leiter des Museums, seine beeindruckende Linotype-Sammlung. Mit der von Mergenthaler erfundenen Maschine war erstmals der maschinelle Satz möglich. Die nächste so weitreichende Setzmethode ist erst der Offsetdruck, der 100 Jahre später kam und heute das gängige Verfahren ist. Die Führung durch das Druckmuseum wurde von den drei Herren des Hauses sehr praxisnah gestaltet und wir haben einen äußerst anschaulichen Einblick in die historischen Satz- und Druckmethoden bekommen.

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Besuch des Niggli-Verlags in Sulgen

von Elisa Daum, Inga Leidecker und Clarissa Niermann

Nach dem Besuch der Druckerei Typorama, ging es mit dem Zug weiter nach Sulgen, zu Niggli und Benteli mit angeschlossener Druckerei, wo wir sehr freundlich mit Erfrischungsgetränken empfangen wurden. Nach einer kurzen Begrüßung wurden wir in zwei Gruppen geteilt, die eine erfuhr etwas über den Verlag, die andere bekam eine Druckereiführung, anschließend wurde gewechselt. In der Druckerei wurde uns von Herrn Eschbach eine kurze Einführung in moderne Drucktechniken und die Arbeit in der Vorstufe einer Druckerei gegeben. Es wurde erklärt, dass sich der Offsetdruck für große Auflagen lohnt und schnell produziert, der Digitaldruck hingegen langsamer ist und eher für kleine Auflagen geeignet ist. Auch durften wir die riesige Offset-Druckmaschine näher begutachten. Die Druckerei druckt Auflagen bis zu einer Höhe von 100.000 Exemplaren. Der aktuelle Druckauftrag lief in einer Geschwindigkeit von 12.500 Bögen/Stunde - eine unvorstellbare Menge. Für uns wurde die meterlange Maschine sogar partiell geöffnet und so konnten wir die Farbanordnung des CMYK-Farbmodells begutachten und die Laufbahn des Papiers in der Maschine nachvollziehen. Die Druckerei ist wirtschaftlich unabhängig vom Verlag, druckt jedoch nahezu alle Bücher des Verlags und zusätzliche externe Aufträge.

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Als zweite Station neben der Druckereiführung wurde uns noch etwas über den Niggli-Verlag berichtet, der Bücher zum Thema Architektur, Design und Typographie veröffentlicht. Aus dem Bereich Typographie stellte die zuständige Programmleiterin Frau Forster einige Titel näher vor, unter anderem das Buch „Monolog“. Hierbei handelt es sich um eine Diplomarbeit, die „in einem Monolog“ ihre eigene Entstehung als Buch erzählt. Das Buch ist wegen seiner komplizierten Herstellung handgebunden, limitiert und relativ teuer. Der Verlag publiziert des Öfteren Diplomarbeiten aus den oben genannten Themengebieten. Im Typographie-Bereich werden außerdem einige Titel auch als Lehrbücher genutzt, so zum Beispiel „Rastersysteme“, ein Handbuch für Grafiker und Typographen. Die meisten Bücher des Verlages verkaufen sich im Ausland, so beispielsweise auch in Deutschland. Die Auswahl für das Programm des Verlages ist abhängig von Empfehlungen, eingesendeten Vorschlägen, neuen innovativen Ideen und der verlagseigenen Auswahl von Autoren. Pro Jahr erscheinen etwa 20 Titel.

Nach diesem interessanten Ausflug ging es mit dem Zug wieder zurück nach St. Gallen, wo wir in der Stiftsbibliothek verköstigt wurden und nach einer Verabschiedung glücklich und bepackt mit vielen neuen Eindrücke den Zug zurück nach München bestiegen.